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  • Ausgehend von vielen Standortfragen hier im Forum wie z. B. kann ich die Bienen mit Flugloch in Richtung Nachbar stellen? Meine Nachbarin behauptet, ihr Kind habe Bienenallergie? Die Bienen verschmutzten mein Auto, meine Wäsche! Ich fühle mich durch Ihre Bienen grundsätzlich gestört! Ich kann mich auf meinem eigenen Grundstück nicht mehr bewegen wie ich will! Ich fürchte mich vor Stichen!

    Diese und andere ähnliche Fragen können das nachbarliche Miteinander empfindlich und auf Dauer
    beeinträchtigen und münden oft in Feindschaft oder gerichtlichen Auseinandersetzungen.
    Kein Bienenkistenimker kann an solchen Problemen auch nur im entferntesten ein Interesse haben, dennoch sieht sich mancher von uns im Einzelfall mit einem solchen Problem konfrontiert. Was tun?

    Es ist wichtig und vorteilhaft für den Kleinimker, zumindest einen groben Überblick über seine rechtliche und gesellschaftliche Stellung zu haben. Daher möchte ich diesem Thema bei der hohen Zunahme von Bienenkisten-Neulingen hier im Forum konkret ansprechen und um rege Teilnahme werben.

    Der Gesetzgeber zeigt immer deutlicher eine für uns Imker sehr günstige Perspektive zum
    imkerlichen Nachbarn und zum Haftungsrecht auf und fixiert dies sowohl in Gesetzen, Richtlinien als
    auch in der gängigen Rechtsprechung: Stichwort nachbarrechtlicher Leitbildwechsel

    Eine sehr gute Zusammenfassung des Themas findet Ihr im nachfolgenden Link
    http://archiv.jura.uni-saarland.de/projekte/Bibliothek/text.php?id=276

    ein Kleiner Auszug hieraus:

    In diesem Licht müssen die aus der älteren Rechtsprechung und der Fachliteratur überkommenen Abgrenzungsmaßstäbe zur Wesentlichkeit und Unwesentlichkeit von Beeinträchtigungen durch Bienenflug neu überdacht werden. Der nachbarrechtliche Leitbildwechsel vom "normalen Durchschnittsmenschen" zum "verständigen Durchschnittsmenschen" muß zu einer spürbaren Privilegierung der Bienenhaltung und der von ihr ausgehenden, angesichts ihrer allgemeinen Bedeutung "unwesentlichen" Beeinträchtigung führen. Natürlich wird es weiterhin auf umfassende Interessenabwägungen und auf sämtliche Umstände des Einzelfalls ankommen. Und gewiß wird auch weiterhin die Bienenhaltung im Vorgarten eines Hauses in der Stadtmitte oder auf dem Balkon eines Hochhauses im Bankenviertel eine wesentliche Beeinträchtigung selbst des verständigen Nachbarn darstellen können. Aber die Revision der Abgrenzungsmaßstäbe weist in die Richtung, daß der gestörte Nachbar angesichts des herausragenden Allgemeininteresses an der Imkerei und Bienenhaltung ungleich seltener als früher eine Wesentlichkeit der Beeinträchtigung behaupten kann. Denn dem verständigen Durchschnittsmenschen ist eine hohe Toleranz gegenüber den Bienen und gegenüber dem benachbarten Imker zuzumuten, weil sich seine Verständigkeit gerade im Respekt vor dem Allgemeininteresse an den Bienen und den Bienenvätern zu bewähren hat, mag auch die Honigbiene (noch) nicht unter Naturschutz stehen. Und seltener als bisher wird es deshalb auf die Ortsüblichkeit oder Ortsunüblichkeit der Benutzung des Imker-Grundstücks ankommen. Die Ortsüblichkeit ist bei Unwesentlichkeit der imkerlichen Grundstücksnutzung einer Beeinträchtigung nach dem Gesetz unerheblich. Eine Schwerpunktverlagerung in der nachbarrechtlichen Rechtsprechung der Bienen- und Imkerfälle von der Ortsüblichkeits- zur Wesentlichkeitsprüfung mit einem deutlichen Privilegierungseffekt zugunsten der Bienen und Imker erscheint unausweichlich. Die künftige Rechtsprechung wird in der Konsequenz der Grundsatz-Entscheidung des Bundesgerichtshofs zu den "Ingolstädter Fröschen" die Duldungspflicht der Nachbarn von Imkern gegenüber dem Bienenflug nachhaltig erhöhen müssen.

    Die Abhandlung in Gänze zu lesen lohnt sich!!!


    bienenflug


      Abyssus abyssum invocat
    • hallo Honighase,

      aus Deiner Sicht wäre im Falle einer Beschwerde ein Ausweichen selbstverständlich.
      Das sieht nicht jeder so und das kann auch nicht jeder, erst recht nicht in der Stadt.
      Es geht mir bei diesem Thema weniger um Beschwerden im konkreten Fall, sondern um Neulingen
      Hilfestellung zu geben, wenn sie bei weniger günstigen Platzverhältnissen und wo Beeinträchtigungen des Nachbarn nicht auszuschließen sind dennoch Bienen halten möchten. Wer um seine Rechte weiß,
      kann auch entsprechend argumentieren.

      Es gibt aber auch Situationen, wo man um seine Rechte kämpfen muss. Meist im Falle von Willkür,
      Neid und Missgunst (diese sind auch auf dem Land keine Seltenheit). Auf diese Fälle trifft das
      Zitat von Friedrich von Schiller zu: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.

      Als Beispiel folgendes Erlebnis:
      Ein Freund, 62 Jahre alt, seit 30 Jahren Imker, musste mit seinen Bienen weichen, weil auf der Fläche seines Standortes eine Jagdschule gebaut wird. Er wußte nicht, wohin mit den Bienen und fragte
      mich um Rat. Die Bienen standen 10 km von Zuhause weg. Ich riet ihm, sie näher ans Haus zu holen
      und nach umfangreichen Erkundigungen und Bemühungen gelang es uns, die Bienen mit Einverständnis des Besitzers eines brachliegenden Wiesengrundstück in der Nähe seines Zuhauses aufzustellen.
      Es dauerte nicht lange, da bekam mein Freund von seinem unmittelbaren Nachbarn eine schriftliche
      Aufforderung, die Bienen sofort von seinem Grundstück zu entfernen. Es stellte sich
      heraus, dass der Nachbar, ohne mit meinem Freund gesprochen zu haben, die in der Nähe aufgestellten
      Bienen nicht duldete und heimlich die Wiese vom Besitzer abgekauft hatte. Da der Grundstücksbesitzer und der Nachbar sich gut kannten, behielten sie diesen Besitzwechsel so lange geheim, bis er im Grundbuch eingetragen war.
      Mein Freund war fassungslos. Um jedem weiteren Ärger aus dem Wege zu gehen, bot ich im auf meinem
      Gelände die Möglichkeit, die Bienen aufzustellen, bis ein geeignetes Gelände gefunden war.
      Mein Freund ist Russlanddeutscher. Auch ihn und seine Familie würde der böse Nachbar am liebsten
      entfernen, daraus macht er in seinem Nahbereich auch keinen Hehl.

      Im vorliegenden Falle war das Motiv reine Willkür und Missgunst des Nachbarn. Die Bienen standen
      von seinem Haus ca. 100 m weg. Er hatte keinen sachlichen Grund für sein Handeln.
      Mein Freund ist ausgewichen, aber war es richtig?

        Abyssus abyssum invocat
      • hallo Honighase,

        Du siehst die Dinge genau richtig. Mein Freund ist ausgewichen, weswegen es auch nicht zu einer
        wie auch immer gearteten Auseinandersetzung kam. Ich kann auch nur vermuten, dass es nicht die
        Bienen waren, die den Nachbarn gestört haben. Aber er konnte meinen Freund angreifen und ihm schaden.
        Das war vermutlich das Motiv.

        Meiner Erfahrung nach (kommt auch immer wieder hier im Forum zum Ausdruck) möchten die Bienenkistler
        ihre Bienen wenn möglich im eigenen Garten, auf dem schmalen Balkon im 3. Stoch, auf dem Dach
        eines Mehrfmilienhauses, in einem Innenhof (sind nur einige Beispiele) aufstellen. Es liegt in der
        Natur der Sache, dass hierbei Konflikte entstehen können. Ich möchte mit diesem Beitrag verdeutlichen,
        dass der Imker Rechte hat und der Nachbar eine gesetzliche Duldungspflicht.

        D.h., man muss nicht zwingend ausweichen, wenn man einen schönen Garten hat, der Nachbar verlangt, dass die Bienen weg müssen.

        In Konfliktfällen sind es meist nicht die Bienen selbst, sondern unbegründete Ängste, Böswilligkeit,
        Unwissen, übertriebener Eigennutz, Uneinsichtigkeit und andere Motive des anderen.

        Es kann passieren, dass jemand mit der Bienenkiste startet und alles ist noch in Ordnung. Auf einmal kommt der Nachbar und sagt, dass die Bienen weg müssen, aus welchem Grund auch immer. Jetzt hat der
        Imker ein Problem.

        Klar, er bittet um Verständnis, versucht für seine Bienen zu werben. Aber alles Gerede nützt nichts, wenn der Nachbar sich quer stellt. Der Nachbar besteht darauf, dass sie weg kommen!
        (Entweder sucht der Imker kreativ nach einer Ausweichmöglichkeit, was nicht immer gelingt, oder er geht in die Konfrontation).

        Für diesen und ähnliche Fälle ist es gut zu wissen, dass man als Imker zunächst einmal auf der
        rechtlich richtigen Seite steht und gewichtige Argumente ins Feld führen kann. Ob der Nachbar nun
        ein Einsehen hat oder nicht.

        Auch dort, wo Platz genug ist, kommen solche Konflikte vor. Und nicht in jeder Nachbarschaft herrscht
        ein gutes Verhältnis, dennoch möchte jemand in einem solchen Umfeld eventuell seine Bienen halten.
        Und das geht!!!

        Es ist selbstverständlich, dass der Imkerfreund seine Bienenkiste möglichst für den Nachbarn
        schonend aufstellt. Und er sollte bei der Standortwahl bereits diesen Umstand mitbedenken.

        Ein interessantes Urteil findet sich z. B. hier: http://www.ra-kotz.de/bienenhaltung.htm

        Gruss bienenflug


          Abyssus abyssum invocat
        • Für die oft übertriebene und unbegründete Angst (des Nachbarn) vor Bienen habe ich einen
          interessanten soziologischen Ansatz gefunden:

          Nach Gotthard M. Teutsch, Soziologe und Ethiker des 20.Jahrhunderts, wird das Tier immer als Objekt gesehen. Dabei gibt es vor allem drei Fehleinschätzungen: die Verdinglichung, die Vermenschlichung und die Verteufelung

          Die Verteufelung ist »der Versuch, auf das Tier zwischenmenschliche moralische Maßstäbe anzuwenden und es aufgrund der dann festgestellten Bosheit als ›Bestie‹ darzustellen.« Auch hier werden also menschentypische Verhaltensweisen vorausgesetzt, welche das Tier unmöglich vollbringen kann – vor allem wenn die ›Bosheit‹ teil ihrer Natur ist, wie es z.B. bei Schädlingen der Fall ist. Aber auch bestimmte Tierkategorien werden diskriminiert. So z.B. Haie, Giftschlagen, Krokodile, Bienen oder Großkatzen


          Also wissen wir nun, welche boshaften Tiere wir unseren Nachbarn aufzwingen, amüsant!
            Abyssus abyssum invocat
          • Neues Urteil ergangen: im Bienen-Summ-Prozess

            Imkerin bekommt Recht - Bienen summen nicht zu laut (wie die böse Nachbarin behauptet, und sogar angab, durch das Bienensummen krank geworden zu sein).

            http://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/bienen/urteil-im-bienen-summ-prozess-48467994.bild.html

            bf
              Abyssus abyssum invocat
            • Der im nachfolgenden Link enthaltene Artikel ist für Anfänger sicherlich interessant,
              http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.bienenhaltung-im-wohngebiet-das-grosse-summen-natur-oder-aergernis.e72bde3b-2d5e-4bf6-ad6c-d67f6a49d4ca.html

              und nachfolgende rechtliche Betrachtung für das Halten von Bienen in Wohngebieten gibt ebenfalls wertvolle Informationen.
              https://www.lwg.bayern.de/mam/cms06/bienen/dateien/rechtliche_grundlagen_zum_bienenstandort.pdf

              Und hier ein ziemlich aktuelles Beispiel eines nachbarlichen Streitfalles:
              http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/streit-um-bienenhaltung-im-kleingarten-aid-1.6312969

              [Hinweis: bienenflug hat den Beitrag zuletzt am vor 2 Jahren, 3 Monaten geändert.]
                Abyssus abyssum invocat